Jeunesses Musicales
Landesverband
Mecklenburg - Vorpommern e.V.

 





"Verfemte Musik" 2008 in Schwerin

Sachbericht zum 5. bundesweiten und 3. internationalen Wettbewerb „Verfemte Musik“ unter der Schirmherrschaft des Vizepräsidenten des Deutschen Bundestages Wolfgang Thierse.


Vom 30. September bis zum 5. Oktober fand in Schwerin das Festival „Verfemte Musik 2008“ statt. Vom Landesverband Jeunesses Musicales Mecklenburg-Vorpommern ausgerichtet, standen auch in diesem Jahr das Erinnern an verstummte Stimmen, das symbiotische Zusammentreffen von Alt und Jung und nicht zuletzt die musikalischen Darbietungen in Vordergrund.


Im Mittelpunkt des Programms stand 2008 der Pianist und Komponist Artur Schnabel (1882 - 1951), der zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu den führenden Musikern weltweit gehörte – er wurde unter anderem als der größte Beethoven-Interpret überhaupt bezeichnet. Nach seiner Emigration im Jahre 1939 kehrte Artur Schnabel jedoch nie wieder nach Deutschland zurück und geriet hierzulande in Vergessenheit.


Beleg für die stetig gestiegene Popularität und Wertigkeit des Festivals ist die große Anzahl an Wettbewerbsteilnehmern, Zeitzeugen, hochkarätigen Jury-Mitgliedern und nicht zuletzt die zahlreichen Gäste aus Kunst und Politik, die es sich nicht nehmen ließen, der diesjährigen Auflage des Festivals „Verfemte Musik“ beizuwohnen. So übernahm Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse nicht nur die Schirmherrschaft, sondern er war auch persönlich zur Auftaktveranstaltung des Festivals nach Schwerin gereist.


Am Wettbewerb nahmen hochtalentierte Musikstudenten aus 15 Nationen teil, die Werke von verfolgten Komponisten des Naziregimes interpretierten. Sie maßen sich in den Kategorien Klavier solo und vierhändig, Kammermusik Streicher, Kammermusik Bläser sowie Klavierlied/ Chanson. Die sehr gut besuchten Wettbewerbsvorspiele bezeugen das große Interesse der Schweriner sowie der Festivalgäste an den musikalischen Darbietungen.


Den Jury-Ehrenvorsitz übernahmen auch in diesem Jahr wieder Zeitzeugen, darunter Frau Magister Eva Herrmannová, Überlebende des Ghettos Theresienstadt, Walter Arlen, ehemaliger Chef-Musikkritiker der Los Angeles Times sowie die „Cellistin von Auschwitz“, Frau Anita Lasker-Wallfisch.


v.l.n.r. Frau Mag. Eva Herrmannová, Walter Arlen, Anita Lasker-Wallfisch


Doch nicht allein als Juroren bereicherten diese Zeitzeugen das Festival. Sie und weitere Überlebende des Holocaust bzw. deren Angehörige waren auch außerhalb des Wettbewerbsgeschehens gern gesehene Gäste. So kam es an mehreren Schweriner Schulen in dieser Woche zu Zeitzeugengesprächen, in denen die Schüler teilweise erstmals die Gelegenheit hatten, die Schrecken des Dritten Reichs lebendig und ganz hautnah vermittelt zu bekommen. Für viele war es eine völlig neuartige Erfahrung, wie nah diese Zeit doch war, die sie meistens nur aus Geschichtsbüchern kennen. Durch die offenen Gespräche mit den Zeitzeugen, die heute in der ganzen Welt verstreut leben, wurde zum Nachdenken angeregt, wurde ein Stück Historie greifbar, nachvollziehbar, lebendig.


Im Rahmenprogramm des Festivals „Verfemte Musik 2008“ fand eine Vielzahl weiterer Veranstaltungen statt. In Kooperation mit der Akademie der Künste Berlin wurde eine Ausstellung über Artur Schnabel konzipiert, die von Dr. Werner Grünzweig eröffnet wurde. Das Gymnasium Fridericianum Schwerin zeigte eine Ausstellung zum Thema „Künstler im Exil“. In einer weiteren Ausstellung im IntercityHotel Schwerin konnte man sich via Schautafeln über das Leben und die unbekannten Schüttelreime Schnabels informieren.


Allabendlich fanden Konzerte statt, darunter Auftritte des Pellegrini-Quartetts mit der Pianistin Irmela Roelcke, der Cellistin Christina Meißner, dem Trio PASCAL und nicht zuletzt das gefeierte Swing- und Jazz-Event mit Coco Schumann und seinem Quartett im Foyer der Stadtwerke Schwerin. Parallel fanden auch eine Präsentation der Familiengeschichte Artur Schnabels mit anschließenden Podiumsgesprächen unter anderen mit Ann Mottier, der Enkelin des Künstlers, und Teilnehmern des Schülerprojektes statt, dazu die Aufführung des Dokumentarfilmes „Con Brio“ und ein Vortrag „Artur Schnabel und die Berliner Volksbühne“.


v.l.n.r. der junge Coco Schumann, Pellegrini-Quartett, Ann Mottier


Das Festival endete am 5. Oktober mit dem Abschlusskonzert und der Preisverleihung im Konzertfoyer des Mecklenburgischen Staatstheaters.


Direkt im Anschluss fand in Kooperation mit der Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern und dem Konservatorium Schwerin eine Konzert- und Bildungsreise der Preisträger des Wettbewerbs statt. Diese führte jungen Musiker vom 6. bis zum 10. Oktober zu Konzerten nach Wien, Prag, Görlitz und Berlin, wo sie ihr Wettbewerbsrepertoire vorstellten. Auch  Besuche der Gedenkstätten in Theresienstadt und Berlin standen auf dem Programm. Auf dieser Reise wurden sie von Teilnehmern des Schülerprojektes „Künstler im Exil“ und weiteren Interessenten begleitet.


Viele Partner – Stiftungen, Unternehmen, Vereine, die Landeshauptstadt Schwerin mit ihren Einrichtungen und das Land Mecklenburg-Vorpommern – haben dazu beigetragen, das Projekt zu einem internationalen Erfolg zu machen. Das Anliegen der Projektorganisatoren, Komponisten und Musiker in das Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bringen, die unter der Herrschaft des Nationalsozialismus verfolgt oder getötet wurden, wurde mit dem diesjährigen Projekt einmal mehr verwirklicht. Die Vielfältigkeit der Veranstaltungen hat es ermöglicht, ein breites Publikum anzusprechen, Interesse für die Thematik zu wecken und die Wahrnehmung zu schärfen.


Auf Grund der großen Resonanz, den positiven Reaktionen von Teilnehmern, Gästen, den Medien und dem Publikum wurde sich entschlossen, im Jahr 2010 das Projekt „Verfemte Musik“ erneut durchzuführen.



Jeunesses Musicales Landesverband Mecklenburg Vorpommern - Puschkinstr. 13 -19055 Schwerin