Jeunesses Musicales
Landesverband
Mecklenburg - Vorpommern e.V.

 





Preisträger im Bundeswettbewerb "Kinder zum Olymp"2007


Vorstellung und Kurzbeschreibung:

Im Rahmen des Projektes „Verfemte Musik Schwerin" wurden seit der erstmaligen Austragung im Jahr 2001 neben dem Instrumental- und Gesangswettbewerb Aktivitäten für Schulklassen und Schüler allgemeinbildender Schulen veranstaltet.


Im Projektjahr 2006 wurde die Kooperation mit 2 Schweriner Gymnasien gesucht und erheblich erweitert. Die Schüler hatten die Aufgabe, das Familienschicksal der deutsch-polnischen Familie des Musikers Izzy Fuhrmann zu erforschen. Gemeinsam mit Musikschülern des Konservatoriums Schwerin sollten vergessene Musikstücke wieder aufgeführt werden und parallel dazu die Thematik „Warschauer Ghetto" und „Konzentrationslager im Nationalsozialismus" in einer Ausstellung gezeigt werden. Die Ausstellung wurde gleichzeitig die Eröffnungsveranstaltung des Projektes „Verfemte Musik Schwerin 2006" mit musikalischer Umrahmung von Kompositionen von Izzy Fuhrmann.

 

Nach der Festivalphase erhielten die teilnehmenden Schüler die Gelegenheit, mit auf eine Konzert- und Bildungsreise nach Prag, Theresienstadt und Berlin zu kommen. Im April 2007 wurde die Projektdarstellung auf Einladung von Brigitte Medvin (Tochter von Izzy Fuhrmann) in Los Angeles gezeigt.


v. l. n. r. Max und Brigitte Medvin, daneben Volker Ahmels

Projektauslöser/Idee:

Die Idee zu diesem Projekt entstand während einer Recherche zu dem verfemten Komponisten Eric Zeisl, der als Wiener Komponist 1938 nach Amerika emigrierte. Während eines Aufenthalts in Los Angeles 2002 lernte der Projektleiter Volker Ahmels Frau Medvin kennen. Dadurch entstand der erste Kontakt zu der Familie. Frau Medvin zögerte mehr als zwei Jahre, bevor sie sich entschloss, Herrn Ahmels das Vertrauen zu schenken, um die Familiengeschichte mit den vorhandenen Dokumenten, Noten und Schallplattenaufnahmen aufzuarbeiten. Dieses Phänomen war eine besondere Motivation für alle Beteiligten zur Realisation des Projektes.


Projektentwicklung:

Nach der Entwicklung der Projektidee, auf die die Schulleiter des Gymnasiums Fridericianum und des Goethe-Gymnasiums in Schwerin sehr interessiert reagierten, fanden sich aus der damaligen Klassenstufe 11 im Fridericianum zwölf und im Goethe-Gymansium drei Schüler mit großem Interesse an geschichtlicher Projektarbeit. Christine Kindt, Lehrerin für Geschichte und Deutsch am Fridericianum, erklärte sich sofort bereit, die Schüler pädagogisch zu begleiten. Im Januar 2006 fand das erste Kennenlernen der Schüler aus beiden Schulen mit den Verantwortlichen des Konservatoriums statt. Volker Ahmels stellte nicht nur die Projektidee vor, sondern weckte durch Fotos, Film- und Buchausschnitte sowie die Geschichte des Kennenlernens von Brigitte Medvin die Bereitschaft der Schüler, an dem Projekt mitzuwirken, dessen Ziel, bis zum September 2006 eine Schülerausstellung zu erarbeiten, klar war, dessen inhaltliche Ausgestaltung jedoch noch im Ungewissen lag.


Dies änderte sich, als die Schüler am 7.und 8. März 2006 in Begleitung von Christine Kindt, Volker Ahmels und dem Volontär Christoph Wesemann in Berlin die Zeitzeugin Brigitte Medvin trafen. Nach einer gemeinsamen Führung durch das Jüdische Museum konnten die Schüler mit dortigen Mitarbeitern einen Workshop zum Umgang mit historischen Quellen durchführen. Dabei bezogen sie sich insbesondere auf die Zeit des Nationalsozialismus. Im Plenum wurden dann die Arbeitsergebnisse vorgestellt und Anknüpfungspunkte zur Familiengeschichte des Musikers Izzy Fuhrmann hergestellt. In einem mehrstündigen Gespräch mit Frau Medvin erfuhren die Schüler Einzelheiten zum Leben ihres Vaters und zu Ereignissen ihrer Kindheit und ihrer Jugend. Dabei war es für die Schüler faszinierend, einer Zeitzeugin gegenüber zu sitzen, die genau das erlebt hatte, was sie sonst in Geschichtsbüchern lasen. Durch den vorhergehenden Workshop war aber auch sichergestellt, dass die Einordnung von Zeitzeugenberichten in die große Geschichte notwendig ist. Schließlich haben auch die Schüler Erfahrungen mit Dokumentationen aus verschiedenen Medien, in denen die Erzählungen von Zeitzeugen durch Nichtkommentierung zur absoluten Wahrheit erhoben werden.

 

So diente der Tag im Jüdischen Museum nicht nur der Vertiefung historischer Kenntnisse und Arbeitsmethoden, sondern auch der Erziehung eines denkenden und im Umgang mit Medien sicherer werdenden Schülers. Am Abend dieses Tages konnten Schüler und Begleiter gemeinsam mit Brigitte Medvin im Deutschen Historischen Museum in Berlin den Film „Mädchen hinter Gittern" sehen, in dem Brigittes Vater, Izzy Fuhrmann, in einigen Szenen mit seiner Musik - Kapelle auftrat. Brigitte Medvin war sehr bewegt, denn sie hatte den Film niemals zuvor gesehen. Während dieses Tages wurde von den pädagogischen Begleitern das Konzept der zu entwickelnden Schülerausstellung erarbeitet, so dass klar war, dass die Schüler in Gruppen verschiedene Themen zur Familiengeschichte der Fuhrmanns sowie zu deren Einordnung in die zeitgeschichtlichen Ereignisse zwischen 1933 und 1945 bearbeiten mussten. Die Schüler ordneten sich den zu bildenden Gruppen entsprechend des Interesses und natürlich der Freundschaften problemlos zu.


Von März bis September 2006 beschäftigten sich die Schüler in ihren Gruppen mit den einzelnen Themenkreisen, wie z.B. Familiengeschichte, Antisemitismus, Problematik der Ostjuden, Judenverfolgung allgemein, Leben im Warschauer Ghetto, Aufstand im Warschauer Ghetto, Juden in Deutschland nach 1945. Die Schülerinnen, die die Familiengeschichte der Fuhrmanns aufarbeiteten, übersetzten viele von Brigitte zur Verfügung gestellte Dokumente aus dem Englischen ins Deutsche. Unterschiedliche Medien, wie private Literatur, Schriften aus der Landesbibliothek Mecklenburg-Vorpommern, Dokumentationen und auch das Internet, dienten den Schülern, um Informationen zu sammeln und diese dann zu verarbeiten. Die entstandenen Texte wurden von Christine Kindt und auch von Christoph Wesemann Korrektur gelesen. Gemeinsam erarbeiteten und verwirklichten die Schüler das Layout der Ausstellung, so dass zwei Tage vor der Eröffnung diese ebenfalls gemeinsam aufgebaut werden konnte.


Am 27. September 2006 war der große Tag gekommen. Um 17 Uhr wurde im von zahlreichen Gästen besuchten Foyer des Intercity-Hotels in Schwerin die Ausstellung „Izzy Fuhrmann - ein jüdischer Musiker zwischen Verfolgung und Emigration" eröffnet. In Anwesenheit von Brigitte Medvin, ihrem Mann sowie ihrer Tochter nebst Mann führten Volker Ahmels und eine Schülerin in das Projekt und die Ausstellung ein. Umrahmt wurde die Veranstaltung von einer Musikgruppe des Schweriner Konservatoriums, die monatelang tätig gewesen war, um das uns von der Tochter zur Verfügung gestellte musikalische Material des Izzy Fuhrmann zu bearbeiten und nach Jahrzehnten wieder aufzuführen.

 

Brigitte Medvin trug sich bei dieser Gelegenheit in das Goldene Buch der Landeshauptstadt Schwerin ein. Am 28. September 2006 fand im Konzertfoyer des Mecklenburgischen Staatstheaters eine öffentliche Veranstaltung statt, in deren Mittelpunkt Leben und Musik des Izzy Fuhrmann standen. Zwei der am Projekt beteiligten Schüler moderierten gemeinsam mit Volker Ahmels das Gespräch mit Brigitte Medvin. Auch hier wurde von Musikern des Konservatoriums Schwerin die Musik des in Vergessenheit geratenen Komponisten und Kapellmeister aufgeführt. Eine Licht-Show mit Fotos und Filmausschnitten mit Izzy Fuhrmann rundeten diesen Höhepunkt ab.


Vom 2. Oktober bis 5. Oktober 2006 unternahmen die Schüler gemeinsam mit den Preisträgern des Wettbewerbs „Verfemte Musik" eine Reise nach Prag und Theresienstadt. Einerseits lernten die Schüler durch die Teilnahme an drei Konzerten der Wettbewerbsteilnehmer Musik verfolgter Musiker kennen und eröffneten sich damit kulturelle Bereiche, die von ihnen vorher nicht wahrgenommen wurden. Andererseits waren die Führungen durch das jüdische Prag und das Ghetto Theresienstadt für alle außerordentlich eindrucksvoll. Besonders der Besuch in Theresienstadt war durch die Erzählungen der Zeitzeugin Eva Herrmanova, die als Jugendliche dort inhaftiert war, anschaulich und sehr berührend. Stand doch vor allen eine Frau, die all das Leiden selbst erlebt hatte.


Besonderheiten: 

Das Schülerprojekt bot die Möglichkeit der Annäherung an die Problematik des Holocaust von zwei verschiedenen Perspektiven: Auf der einen Seite kamen die Schüler mit historischem Grundwissen und historischem Interesse zur gemeinsamen Arbeit zusammen und erlebten durch die Beschäftigung mit der verfemten Musik, insbesondere deren Künstlern, ein verbindendes Element zwischen Geschichte, Politik und Kultur. Auf der anderen Seite gewannen die am Wettbewerb beteiligten jungen Künstler durch die Beschäftigung mit den Künstlerschicksalen neue historische Erkenntnisse. Dadurch hat sich für beide Seiten eine Sensibilisierung für gesellschaftliche Zusammenhänge und eine Bewusstseinserweiterung insgesamt ergeben.


Mit dem Projekt wurde auch ein neuer Lernansatz verfolgt: Die Struktur der Ausstellung wurde zwar von der pädagogischen Begleitung erarbeitet, die Schüler aber bestimmten den Umfang und die Art und Weise der Recherche selbst, entwickelten selbstständig das Layout und organisierten die für die Umsetzung notwendigen Arbeitsschritte. Das Projekt war für alle Beteiligten auch eine interessante Erfahrung in der Arbeit mit Zeitzeugen. Auf der einen Seite war es für Brigitte Medvin eine Möglichkeit, sich mit ihrer eigenen Familiengeschichte intensiv auseinanderzusetzen und sie aufzuarbeiten. Auch ihre eigenen Kinder und Enkelkinder profitierten durch die Erinnerungsarbeit und sind in der Lage, die Erlebnisse der Vorfahren weiterzugeben.


Für Brigitte selbst brachte dieses Projekt noch eine andere Erfahrung. Nachdem sie jahrzehntelang im Prinzip kein Deutsch gesprochen hatte, begann sie seit den gemeinsamen Tagen in Berlin diese, ihre Muttersprache neu zu lernen und wiederzuentdecken. Dadurch fand sie einmal einen Teil ihrer Identität wieder und benutzte die deutsche Sprache mit sichtbar größer werdender Freude. Andererseits verbesserte sich durch die Neu-Entdeckung der Muttersprache die Kommunikation mit den Schülern, die natürlich alle Englisch sprechen können. Für die Jugendlichen war die Zusammenarbeit mit Brigitte Medvin eine sehr emotionale Erfahrung und eine unmittelbare Illustration der Geschichte. Denn sie verbinden mit den Ereignissen, die sie im Unterricht kennenlernen, nun nicht mehr nur Namen, Begriffe und unvorstellbare Zahlen, sondern sie sehen hinter diesen Namen, Begriffen und Zahlen nun konkrete Gesichter und Geschichten. Aufgabe der pädagogischen Betreuung war es natürlich, die Arbeit mit der Zeitzeugin zu begleiten und die Relativität zwischen der eigenen, kleinen und der großen Geschichte herzustellen.


Interessant an diesem Projekt war auch die Beschäftigung mit dem Warschauer Ghetto als einem Ort, an dem es trotz allem zu Beginn auch ein gewisses kulturelles Leben gab. Durch die Recherchen und die Reise nach Theresienstadt wurden den Jugendlichen aber die Unterschiede in dieser Hinsicht zwischen dem Warschauer Ghetto und dem Ghetto Theresienstadt, wo zahlreiche Künstler aus Böhmen, Mähren, Deutschland und vielen anderen Gebieten ein reges Kulturleben organisierten und dies während der gesamten Existenz des Lagers am Leben erhielten, deutlich. Eine Besonderheit dieses Projektes war die intensive musikpädagogische Anleitung des Fachbereichsleiters, Herrn Andrees, für die Erarbeitung der Musikstücke Izzy Fuhrmanns. Die Noten stammten aus dem Besitz der Familie, lagen nur handschriftlich vor und waren jahrzehntelang nicht benutzt worden. Durch Projektmitarbeiter am Konservatorium Schwerin konnte eine eigene CD-Produktion der Fuhrmann-Titel als Schellack-Aufnahme realisiert werden.


Probleme und Lösungen: 

Den Schülern wurde die Verantwortung für Recherche und Gestaltung übertragen. Sie wurden dabei zwar stets pädagogisch begleitet, aber sowohl Lehrer als auch die Öffentlichkeit müssen natürlich akzeptieren, dass eine Schülerausstellung nicht die inhaltliche Tiefe und Exaktheit bieten kann wie die Arbeit eines Fachhistorikers. Der Umgang mit dem musikalischen Material war schwierig, weil zunächst eine Aufarbeitung der sich im Familienbesitz befindlichen und seit Jahrzehnten nicht benutzten handschriftlichen Noten erfolgen musste. Außerdem mussten Partituren geschrieben und Tonträger hergestellt werden. Dank der Fachkompetenz des Konservatoriums Schwerin und ihres Fachbereichsleiters konnten diese Probleme gelöst werden. So konnte die Musik Izzy Fuhrmanns bei den Veranstaltungen im September aufgeführt werden und als digitalisierte CD hergestellt werden, die vorher nur als Schellack-Aufnahmen vorlagen. 

 

Anekdotisches:

Der Projektleiter Volker Ahmels hatte in den vergangenen Jahren eine Vielzahl von persönlichen Begegnungen mit Überlebenden des Holocaust. Eine besondere Erfahrung war es häufig, dass bis zu einem bestimmten Zeitpunkt die Recherche und die Kommunikation reibungslos verlief. Aber immer zeigte sich eine unbeschreibliche Emotionalität, wenn die beteiligten Zeitzeugen in sehr persönlichen Situationen direkt an ihre eigene Geschichte geführt wurden und in konkreten Situationen mit dieser Geschichte konfrontiert wurden. So gelang es mit großer Unterstützung des Filmmuseums in Berlin, eine Kopie des Films „Mädchen hinter Gittern", produziert von Arthur Brauner aus dem Jahre 1948, aufzufinden. In diesem Film spielte Izzy Fuhrmann in zwei Wirtshausszenen. Frau Medvin waren nur Standbilder als Fotokopien bekannt. Gemeinsam konnten der Projektleiter mit Frau Medvin die Originalszenen ohne die Gruppe erstmals sehen. Frau Medvin war sehr aufgewühlt und nervös, als die musikalischen Filmsequenzen in einer Videoversion gezeigt wurden. Nach der Betrachtung der Szenen spürte der Projektleiter eine unbeschreibliche Dankbarkeit seitens Frau Medvin. Diese Situation zeigte innerhalb weniger Minuten, wie wichtig diese gesamte Projektarbeit für das gemeinsame Aufarbeiten der Vergangenheit von betroffenen Zeitzeugen und Nachfahren der Tätergeneration ist. Jede Seite für sich alleine hätte dies nicht ohne den anderen Partner geschafft. Beide Seiten waren von der Ernsthaftigkeit und der emotionalen Bedeutung sehr betroffen. Das Projekt war auf dem richtigen Weg ein großer Erfolg zu werden!


Am Morgen des 8. März 2006 standen alle Beteiligten während der gemeinsamen Berlin-Reise im Foyer der Landesvertretung Mecklenburg-Vorpommerns in Berlin. Plötzlich gratulierten zwei Jugendliche Brigitte Medvin zum Frauentag und schenkten ihr eine kleine, liebenswerte Nascherei. Gerührt wegen der Herzlichkeit und überrascht wegen dieses in Amerika unbekannten Tages nahm Brigitte die Aufmerksamkeit an. Als sie im September in Schwerin die Ausstellung eröffnete, erinnerte sie sich immer noch an die Gratulation zum Frauentag und noch einmal stiegen Tränen der Rührung in ihre Augen.


Text: Christine Kindt
Lehrerin Gymnasium Fridericianum Schwerin


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